Einsteins beginnende Zuwendung zum Materialismus (Teil 2)
Im ersten Teil der Serie wurde Einsteins rebellische Jugend und seine Überwindung des mechanischen Ätherbegriffes durch die spezielle Relativitätstheorie behandelt. Sie bedeutet einen Schritt hin zur Dialektik, jedoch eröffnete sie gleichzeitig der bis heute herrschenden idealistischen Idee des leeren Raums einen gewaltigen Spielraum. Eine weitere Schwäche war die Beschränkung auf gleichförmige Bewegungen der Materie. In diesem Teil 2 der Serie wird behandelt, wie Einstein die Relativitätstheorie verallgemeinerte und sich der materialistischen Weltanschauung zuwandte.
Die allgemeine Relativitätstheorie
Im Jahre 1916, mitten im I. Weltkrieg, publizierte Einstein zusammen mit Kollegen die Verallgemeinerung der speziellen Relativitätstheorie auf "nicht gleichförmige Bewegungen". Bei diesen treten Trägheitskräfte auf. Dies lässt sich z. B. beim Autofahren beobachten: Bei einer Beschleunigung oder Abbremsung spürt man Kräfte, die den Fahrer in den Sitz pressen oder zur Windschutzscheibe ziehen. Woher aber kommen diese Kräfte? Dafür muss es eine materielle Ursache im Raum geben.
Einstein machte den kühnen Schritt, diese Kräfte bei Bewegungsänderungen mit der Schwerkraft gleichzusetzen: So wie die Schwerkraft der Erde zu Boden zieht, drückt den Fahrer das Schwerefeld (Gravitationsfeld) der Beschleunigung in den Autositz. Beide Formen der Gravitation sind Ausdrücke eines einheitlichen materiellen Erregungszustands der "kontinuierlichen Materie" im gesamten Raum, welcher sowohl von den Massen als auch von den Bewegungen abhängt.
Diese Aussage bedeutete eine Revolutionierung der Gravitationstheorie: Sie beschränkte sich nicht mehr auf die Gravitationskräfte zwischen Massen, sondern berücksichtigte auch die Bewegungen. Daraus konnte Einstein neue Erscheinungen wie die Lichtablenkung und die Verlangsamung innerer Bewegungen der Materie vorhersagen: Licht schwingt im Schwerefeld langsamer und Uhren gehen nach. Ihre Bestätigung fand Einsteins Theorie in der Messung der Lichtablenkung durch schwere Massen und bei der Abstimmung von Atomuhren in globalen Navigationssystemen (GPS).
Einsteins "Neuer Äther"
Mit den Arbeiten zur allgemeinen Relativitätstheorie war auch eine Veränderung von Einsteins weltanschaulichem Standpunkt zum Äther verbunden. Die Veränderung seiner Haltung kam im Wesentlichen durch einen intensiven Briefwechsel mit dem Materialisten Lorentz zustande. Außerdem äußerte sich Einstein im Laufe des I. Weltkrieges zunehmend kritisch zum Idealismus. Der Idealismus verneint, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, und er ist durch eine Geringschätzung der Untersuchung und Orientierung an der Wirklichkeit gekennzeichnet, die er durch abstrakte Theorien ersetzt.
In einem Brief an Lorentz schreibt Einstein 1916:
"Die allgemeine Relativitätstheorie ist näher an der Äther-Hypothese als die spezielle Relativitätstheorie. Aber dieser neue Äther würde nicht das Relativitätsprinzip verletzen, weil sein Zustand wäre nicht der eines festen Körpers, der sich in einem von der Materie unabhängigen Zustand der Bewegung befindet, sondern sein Bewegungszustand wäre eine Funktion der Position, bestimmt durch die materiellen Prozesse." (1)
Die starre und mit mechanischen Eigenschaften belegte Äthervorstellung des mechanischen Weltbildes des 19. Jahrhunderts wurde hier zur Vorstellung von einem dynamischen, in ständiger Bewegung und Veränderung befindlichen Gebilde.
Spielraum für den Idealismus
Eine wesentliche Schwäche der Theorie ist jedoch, dass sie den durch Massen- und Bewegungsänderungen hervorgerufenen Erregungszustand der Materie im Raum, ähnlich wie schon die spezielle Relativitätstheorie, rein geometrisch beschreibt. Mathematisch abstrakt wird die Wirkung der Erregung als eine Krümmung einer vierdimensionalen Raum- Zeit beschrieben. Den wirklichen physikalischen Prozessen in der kontinuierlichen Materie geht sie nicht auf den Grund.
Dazu schrieb der Arbeitertheoretiker Willi Dickhut 1940: "Die mathematischen Formeln werden zum Primären, die objektive Wirklichkeit zum Sekundären gestempelt. Das besagt nicht mehr und nicht weniger als die Ersetzung der realen Außenwelt durch mathematische Formeln". (2) Diese Geometrisierung bildete dann auch eine wesentliche Grundlage für die Ausnutzung von Einsteins Theorie für das idealistische Weltbild "vom leeren Raum". Sie bereitete auch den Boden für die Urknalltheorie, bei der ein endliches Universum in einem Urknall entstanden sein soll. (3)
Das Schwanken zwischen Materialismus und Idealismus ...
Einstein durchlief noch mehrere Schwankungen in der Frage der Materialität des Raumes.
In den 30er Jahren vertrat er wieder eine idealistische Position: "Wir mögen weiterhin das Wort Äther gebrauchen, jedoch nur, um dadurch die physikalischen Eigenschaften des Raums auszudrücken". (4) Dagegen entwickelte er in den 40er und 50er Jahren klare materialistische Vorstellungen: "Die Raum- Zeit hat keine eigene Existenz als etwas Eigenständiges, sondern nur als eine strukturelle Eigenschaft von Feldern (...) einen leeren Raum, d. h. einen Raum ohne Feld gibt es nicht". (5) Doch auch der Feldbegriff lässt Spielraum für den Idealismus, wenn nicht klar gezogen wird, dass ein Feld (z. B. ein elektrisches Feld, ein Temperaturfeld oder ein Gravitationsfeld) eine Eigenschaft bzw. Bewegungsform der Materie darstellt.
... ist in der Wissenschaft mit Hilfe der dialektischen Methode vermeidbar
Lenin, der die Entwicklung der Naturwissenschaften aufmerksam verfolgte, beschrieb im Jahr 1922, wie Neuerungen in der Naturwissenschaft unter den Bedingungen des Imperialismus mit einem Schwanken zu Gunsten der idealistischen Weltanschauung einhergehen: "... daß schon eine Unzahl Vertreter der bürgerlichen Intelligenz in allen Ländern die Theorie Einsteins, der nach (...) keinerlei aktiven Feldzug gegen die Grundlagen des Materialismus führt, auszuschlachten versucht, so gilt das nicht nur für Einstein allein, sondern für eine ganze Reihe, wenn nicht die Mehrzahl aller großen Neuerer in der Naturwissenschaft seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Und um einer solchen Erscheinung nicht ratlos gegenüberzustehen, müssen wir begreifen, daß sich ohne eine gediegene, philosophische Grundlage keine Naturwissenschaft, kein Materialismus im Kampf gegen den Ansturm der bürgerlichen Ideen und gegen die Wiederherstellung der bürgerlichen Weltanschauung behaupten kann. Um diesen Kampf bestehen und mit vollem Erfolg zu Ende führen zu können, muß der Naturforscher moderner Materialist, bewußter Anhänger des von Marx vertretenen Materialismus sein, das heißt, er muß dialektischer Materialist sein." (6)


