Filmtipp: "Als der Fremde kam"

Für die Arbeiter eines Zementwerks in der Provinz sieht die Lage nicht gut aus. Von Fusion ist die Rede - und die Folgen sind klar. Matthias Wernicke (Christian Redl) und seinen Kollegen droht die Streichung der letzten noch verbliebenen Stellen und damit die Arbeitslosigkeit. Der Gewerkschaftsfunktionär Dr. Robert Stubenrauch (Götz George) reist an, um zu retten, was zu retten ist.

Filmtipps, Als der Fremde kam, Manzel/George Fahrrad Trotz des Widerstands, der dem Fremden anfangs entgegengebracht wird, mobilisiert er die Belegschaft zu einem Hungerstreik. Während die Arbeiter - darunter auch Wernickes Sohn Ulli (Aljoscha Stadelmann) - mit ihrem Streik für Aufsehen sorgen, entwickeln Stubenrauch und Wernickes Frau Anne (Dagmar Manzel) immer mehr Gefühle füreinander. So entspinnt sich eine heimliche Affäre zwischen dem vom Leben gezeichneten Funktionär, dem die Gefühle zu der resoluten Frau wieder Mut und neue Kraft geben, und Anne, die in Stubenrauch die Chance sieht, aus ihrem Trott des Ehe- und Familienlebens auszubrechen.

Regisseur Andreas Kleinert inszenierte mit zum Teil ungewöhnlicher Schauspielerbesetzung. Götz George ungewohnt ohne Schnauzer oder Dreitagebart. Christian Redl, der Mann mit dem einzigartig durchdringenden Blick, dem kahlen Schädel, dem Stiernacken - er ist diesmal die feste positive Größe. ,,Aus dir machen wir jetzt einen Sympathieträger", hatte ihm der Regisseur Kleinert angekündigt. Doch bis der Zuschauer das nun tatsächlich glauben kann, vergeht die Hälfte des Films.

Der Film eignet sich gut für die Diskussion, welche Kampfformen und Forderungen die Arbeiter heute wählen müssen, um ihre Interessen durchzusetzen. Die von den Arbeitern im Film abgestimmte Methode des Hungerstreiks ist spektakulär, aber auch kräftezerrend. Die Kollegen harren über 20 Tage ohne Essen aus. Sie quälen sich langsam dahin und es wirkt beklemmend, die Arbeiter in ihren Betten liegen zu sehen, geschwächt vom Hungerstreik. In dieser Lage ist der Streikführer unfähig, die Führung des Kampfes zu organisieren und überlässt die Initiative dem Gewerkschaftsfunktionär. So bietet der Film ein gutes Anschauungsmaterial, wie wichtig es ist, dass zu jedem Zeitpunkt eines Streiks die Arbeiter die Führung und Initiative behalten.

Es sind in dem Film oft nur kleine Augenblicke, die für Diskussionsstoff sorgen. So z.B. wenn die Hungerstreikenden sich im Streiklokal eingeschlossen haben und erst aufschließen müssen, als die Kamerateams eintreten wollen. Kämpferische Kollegen würden darüber den Kopf schütteln.

Der Film bedient in verschiedenen Szenen auch typische Klischee-Vorstellungen vom Leben und Kampf der Arbeiter: übermäßiger Alkoholkonsum, oftmals unfähig zu einer sachlichen Auseinandersetzung, stattdessen werden Argumente durch Fäuste ersetzt und anderes. Wahrscheinlich wäre Regisseur und Autor überrascht, welch Schlagfertigkeit, Ideenreichtum, Initiative und Schöpferkraft in der Arbeiterklasse steckt. Trotzdem gehört in dem Film die Sympathie eindeutig den Arbeitern und ihren Familien. Die Typen der Geschäftsleitung erscheinen dagegen - durchaus realitätstreu - eiskalt und nur an der kommerziellen Seite der Angelegenheit interessiert.

Filmtipps, Als der Fremde kam, Manzel/George KücheKleinert macht es seinem Zuschauer nicht leicht. Bisweilen erzählt er nur bruchstückhaft, lässt vermeintlich Wichtiges weg. Dennoch entwickelt sich ein spannendes Szenario. Im gewöhnlichen Fernsehfilm sind die Wohnungen in der Regel schick, die Anzüge gebügelt und die Autos modern. Der Film ,,Als der Fremde kam" ist hier eine Ausnahme. Die zwischenmenschlichen Beziehungen und Zuneigungen sind im Film nicht aufgesetzt. Wobei es schon einer gewissen Kaltblütigkeit und Unehrlichkeit bedarf, wenn der Gewerkschaftsführer mit der Frau des Streikführers ein Verhältnis eingeht, während der Ehemann unwissend im Hungerstreik Gesundheit und Leben aufs Spiel setzt.

Arbeiterfilme sind in der deutschen Filmlandschaft recht selten. In Zeiten, wo aber immer mehr Menschen um ihre Arbeitsplätze konsequent kämpfen und nach einer Perspektive suchen, können sich die bürgerlichen Medien darüber nicht einfach hinwegsetzen. Deshalb kommt so ein Film nicht von ungefähr.

Am Schluss rät Dr. Stubenrauch den Arbeitern, den Sozialplan anzunehmen, obwohl sie alles andere als begeistert sind: ,,Mehr sei nicht drin ... und ohne den Kampf wäre es noch viel weniger Abfindung geworden." Ein hochaktuelles Ende, denn diesen Spruch haben viele Arbeiter in den letzten Monaten gehört - bei Infineon in München, AEG in Nürnberg oder CNH in Berlin. Wenn die Arbeiter aber nicht für einen Sozialplan kämpfen wollen, sondern um jeden Arbeitsplatz, dann müssen sie gegebenenfalls den gewerkschaftlichen Rahmen durchbrechen und selbständig weiterkämpfen. Im Film hatten sie dazu nicht mehr die Kraft. Nicht nur wegen des Hungerstreiks, sondern auch, weil die Filmemacher es so wollten. In der Realität haben die Arbeiter es selbst in der Hand. So wie Anne Wernicke, sie trennt sich am Ende von beiden Männern - Ende offen.

 

Wir danken der colonia-media für die Bereitstellung des Bildmaterials

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