Interview mit Gisela Schwalb zum Selbstmord von Adolf Merckle

Liebe Gisela, danke für Deine Bereitschaft, dieses Interview zu geben. Du selbst warst 13 Jahre bei Merckle ratiopharm als Produktionsarbeiterin beschäftigt und im Betriebsrat.

Frage: Wer war Adolf Merckle? Wie hast Du ihn kennen gelernt?

Gisela: Adolf Merckle hat sich in den vergangenen 50 Jahren ein riesiges Firmenimperium aufgebaut. Kern davon ist die Firma Ratiopharm, die Generika herstellt. Darüber hinaus ist er mit Heidelberger und Schwenk Zement familiär verbunden ( seine Frau ist eine gebürtige Schwenk). Die VEM Dresden ist der Dachverband dieses Imperiums. Er war der fünft reichste Mann in Deutschland. Persönlich habe ich ihn nie kennen gelernt. Beschrieben wird er als bescheiden und naturverbunden.

 

Frage: Dir wurde von ratiopharm gekündigt, wogegen Du vor dem Landesarbeitsgericht  geklagt hast. Worum ging es dabei?

Gisela: Ich erhielt 1997 eine fristlose und fristgerechte Kündigung. Offiziell hieß es wegen Vortäuschung einer Krankheit. Ich wurde eine Woche lang von Detektiven überwacht, als ich krankgeschrieben war. Aber mir wurde bereits, nachdem ich 1994 für die MLPD zur Bundestagswahl kandidiert habe, angekündigt, dass ich als Marxistin-Leninistin in der Firma nichts verloren habe. Mit viel Unterstützung – auch von meinen KollegInnen wurde dieser Angriff Merckles auf demokratische Rechte und Freiheiten vor dem Landesarbeitsgericht in Stuttgart eine Abfuhr erteilt. Bei der Kündigung ist es aber nicht geblieben: über ein Jahr lang wurde ich in der Firma aufs Übelste gemobt. Ich weiß auch aus zuverlässiger Quelle, dass hier die Familie Merckle federführend in den Anweisungen war.  Ende 2005 musste ich aus gesundheitlichen Gründen aus der Firma ausscheiden. Ich habe bis heute Kontakte zu den KollegInnen.

 

Frage: Adolf Merckle und seine Familie werden als Unternehmerfamilie mit sozialem Anspruch hier in den Medien beschrieben. Wie siehst Du das? Welche Erfahrungen hast Du bei ratiopharm gemacht?

Gisela: Zweifellos sieht ihn die Öffentlichkeit so:  der Stadt Blaubeuren hat er aus finanziellen Engpässen „geholfen“, indem er den Blauwald um Blaubeuren aufgekauft hat. Die Firma Merckle war eine der ersten Firmen hier in Ulm, die über einen Betriebskindergarten nachgedacht und letztendlich mit der Kooperation mit dem TSG Söflingen auch einen aufgebaut hat. Seit 1993 gibt es im Betrieb ein Frauenreferat. Dies sind Errungenschaften, die kritisch zu unterstützen sind. Aber man muss auch den Hintergrund sehen: Betont wurde immer, dass sich diese Angebote an Frauen richtet, die Karriere machen wollen. Die Mehrzahl der Frauen arbeitet aber in der Produktion – viele davon alleinerziehend. Die Arbeitsbedingungen dieser Frauen wurde aber ständig verschärft: durch die Flexibilisierung der Arbeitszeit – Ausdehnung der Wochenarbeitszeit mit täglichen Überstunden und/oder Samstagsarbeit. Und die Arbeitsintensität wurde enorm erhöht und auch Stellen eingespart. Ein Beispiel: als ich 1992 anfing waren an einer Linie 5 Personen beschäftigt, Ende 2005 nur noch 3.
Als bereits in allen anderen Pharmafirmen die Kolleginnen in der Produktion mit Lohngruppe 3 oder 4 bezahlt wurden, haben wir erst Anfang 2000 nach langer Auseinandersetzung Lohngruppe 2 bekommen. Dies wurde uns dann als besonderes Entgegenkommen  der Familie Merckle verkauft. 
Zusammenfassend muss ich sagen, der ganze Reichtum und das Anhäufen von Milliarden Euro wurde letztendlich von den Beschäftigten der verschiedenen Firmen erarbeitet.

 

ratiopharm, UlmFrage: Das Imperium Merckle wird von den Banken zerschlagen. Ratiopharm soll verkauft werden. HeidelbergCement fällt an die Banken. Insgesamt sind 100.000 Menschen in den Firmen ratiopharm, HeidelbergCement, Phönix und Kässbohrer Pistenbully beschäftigt und sie haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Was denkst Du, wie es hier weitergeht?

Gisela: Es ist sicherlich nicht leicht, diese Frage zu beantworten. Zu befürchten ist,  dass andere Konzerne Monopole sich die „Sahnestückchen“ unter den Nagel reissen. Zum einen ist das ratiopharm. Der Kampf um weitere Marktanteile auf dem Generikamarkt ist gnadenlos und es stehen bestimmt schon Konzerne in der Warteschlange.  Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass hier einige Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. Die Erfahrung im Kapitalismus zeigt doch, dass im Interesse des Maximalprofits zig Millionen Arbeitsplätze geopfert werden.
Ich kann den Kolleginnen und Kollegen nur empfehlen: lasst euch nicht unterkriegen – ihr habt letztendlich die Kraft, um zu verhindern, dass Arbeitsplätze abgebaut werden und/oder eure Bedingungen sich wesentlich verschlechtern. Und eins ist sicher: wir von der MLPD werden euch unser Know how zur Verfügung stellen und euch nach Kräften unterstützen!

 

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